KONKURS! Wie es dazu kam

Über den Niedergang der Firma GEBRÜDER SIESMAYER haben die Gebrüder im Sommer 1933 die Zusammenhänge aus Ihrer Sicht in einer Chronik dokumentiert. Hierbei spielt der Standort Vilbel mit der Baumschule „Elisabethenhain“ allein wegen der Größe des Grundstücks eine Schlüsselrolle:


Originaltext Gebrüder Siesmayer v. 1. Juni 1933:

[ 1. ÜBER DAS UNTERNEHMEN ]
„Die Firma Gebrüder Siesmayer in Frankfurt am Main, Kurhessenstraße 69, wurde im Jahre 1840 von Heinrich Siesmayer und Nikolaus Siesmayer, die beide einer alten Gärtner Familie entstammten und beide bei dem bekannten Stadtgärtner Rinn, dem Schöpfer der Frankfurter Promenaden, gelernt hatten, gegründet.

Sie unterhielt in Frankfurt am Main Eschersheim ihre Kulturgärtnerei und in Vilbel (Hessen) ihre Baumschulen. Herr Heinrich Siesmayer ist sonders durch die Schöpfung des Kurparks in Bad Nauheim, der noch heute als eine Musteranlage ersten Ranges gilt, und die Schöpfung des älteren Teils des Palmengartens in Frankfurt am Main hervorgetreten.

Im Rheinland und in Westfalen verdanken viele große Parks ihr Entstehen diesem unermüdlichen und genialen Manne, der in Anerkennung seiner Leistungen 4 hohe Orden und viele weitere Auszeichnungen sowie den Titel eines

– Königlich-Preußischen Gartenbaudirektor
und eines
– Großherzoglich Hessischen Hofgarten Ingenieurs

erhielt.

Herr Nikolaus Siesmayer widmete sich den Kulturen, die er auf eine sehr beachtliche Höhe brachte. Die Söhne des Heinrich Siesmayer, die Herren Philipp Siesmayer und Ferdinand Siesmayer, beide jetzt im 71 bzw. 66 Lebensjahr stehend, führten die Firma nach dem Ableben der Gründer in altbewährter Weise fort und bauten das Unternehmen noch um ein Beträchtliches weiter aus. Sie waren lange Jahre Fachberater der Stadtbauämter Hanau, Bad Nauheim, Bad Homburg v.d.H., Koblenz und vieler Privater. Unter ihnen leitete und pflegte die Firma mit einem steigenden Personal von bis zu 600 Leuten lange Jahre die Kuranlagen von Bad Nauheim, Wiesbaden, Bad Homburg v.d.H., Bad Orb sowieso Schlangenbad und Bad Soden am Taunus, die gesamten städtischen Grün- und Rheinanlagen von Koblenz, den königlichen Schlossgarten daselbst und etwa noch 200 der größten Privatparks und Gärten in und um Frankfurt am Main sowie etwa 200 weitere kleinere Gärten.

Doch damit nicht genug, führte die Firma im In- und Auslande noch die Neuanlage vieler großer Parks und Gärten, von welchen die bedeutendsten in der hier beigefügten Anlage aufgeführt sind, aus.

Diese Anlagen allein schon sprechen Bände für die erstmalige, aber nicht weit zurückliegende Bedeutung der Firma. Die Firma Gebrüder Siesmayer war die weitaus am meisten beschäftigte und erfolgreichste Gartenarchitekten Firma Deutschlands. Ihre Schöpfungen zeichneten sich alle durch großzügige Auffassung und durch eine überaus geschickte Landschaftsbehandlung aus. Die ausgeführten Anlagen waren Musterbeispiele fachgerechte Arbeitsleistung.

Die Firma war in der Vorkriegszeit Hoflieferant
 – S.M. des Kaiser Wilhelms II von Deutschland
 – Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Baden
 – Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Hessen
 – Seiner Hoheit des Herzogs von Anhalt

und war Inhaber der großen goldenen und silbernen Staatsmedaille.

Herrn Philipp Siesmayer insbesondere hat es während seiner erfolgreichen Laufbahn an Ehrungen nicht gefehlt, die nicht nur in der Verleihung 5 hoher Orden und der Titel

 – Königlich Preußischer Gartenbaudirektor
und
 – Großherzoglich Hessischer Hofgarteningenieur

sondern auch in vielen anderen Auszeichnungen und nicht zuletzt in der hohen persönlichen Wertschätzung, die er überall genoss, ihren Ausdruck fanden. Er ist gelegentlich seines 70 Geburtstages im Oktober 1932 in Berücksichtigung seiner großen Verdienste um den Beruf zum Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Gartenarchitekten e.V. (B.D.G.A.) ernannt worden, zu dessen Gründern er gehörte.

[ 2. ÜBER DEN NIEDERGANG ]
Infolge des Kriegsausbruchs erlebt die Firma ihre erste Erschütterung dadurch, dass eine Reihe von Aufträgen aus dem Auslande annulliert wurden und in Wegfall kam. In der Annahme, der Krieg dauere nur verhältnismäßig kurze Zeit, verzögerte sich die sofort notwendig gewesen Anpassung an die veränderten Verhältnisse und die Baumschulbestände insbesondere wuchsen heran, ohne dass dieselben eine entsprechende Verwendung fanden.

Dann kam das Kriegsende mit seinen unglücklichen Nachwirkungen.

Die Leiter der Städte, von der marxistischen sich nach dem Kriege überall breit machenden Wahnidee erfasst, die eigene Regie arbeite vorteilhafter als der selbständige Fachmann und sei deshalb für die Kommunen das Gegebene, riefen binnen kürzester Zeit Kommunalregiebetriebe ins Leben und lösten die mit der Firma Gebrüder Siesmayer bis dahin bestehenden Beziehungen. Dadurch verlor die Firma in kürzester Frist die Unterhaltung fast aller Kur- und städtischen Anlagen, unter anderem diejenigen von Bad Homburg v.d.H. sogar nach 49-jähriger Betreuung durch sie.

Wenn sich inzwischen auch das Vorgehen der Kommunen als ein großer Fehler und Missgriff herausgestellt hat, der die Städte nicht zuletzt in eine die Gesamtheit der Bevölkerung drückende Überschuldung geführt hat, so ist dasselbe auf der anderen Seite unbedingt der Anstoß zum Untergang der Firma Gebrüder Siesmayer gewesen.

Dann hatte die Inflation in den Nachkriegsjahren weiter zur Folge, dass der Firma Gebrüder Siesmayer auch die Leitung und Pflege zahlreiche großer Privatparks und Gärten verloren ging. Die Neuanlagen hörten bis auf nur verschwindend wenige ganz auf. Das früher bis zu 600 Leuten zählende Personal musste laufend reduziert werden und Betrug zuletzt nur noch einige Mann.

Die vorhandenen großen Baumschulbestände in Vilbel waren überständig und dadurch unverkäuflich geworden. Sie mussten herausrigolt [von französisch rigoler → „tief pflügen oder umgraben“] und zum Teil sogar herausgesprengt werden. Etwa 100.000 qm Boden mussten vollständig neu bearbeitet werden. Die Arbeiten in den Baumschulen in Vilbel beanspruchten Barmittel in Höhe von rund GM 120.000.

Dies bedeutete für die Firma Gebrüder Siesmayer, dass sie rund GM 120.000 aufwenden musste, um überständige Baumschulenbestände im Schätzungswerte von GM 160.000 bis 180.000 zu vernichten und dadurch die Möglichkeit zu haben, neue Baumschulen anzupflanzen.

Ähnlich waren die Verhältnisse in den vor dem Zusammenbruch stehenden Gewächshäusern und sonstigen Kultureinrichtungen in Frankfurt am Main Eschersheim gelagert. Diese Wiederaufbaukosten in Eschersheim haben rund GM 20.000 erfordert.

Alle diese Umstände brachten es mit sich, dass die ehedem beträchtlichen Barmittel der Firma aufgebraucht wurden und darüber hinaus die Aufnahme von Hypothekengeldern auf den umfangreichen Grundbesitz notwendig wurde, umsomehr als auch die Firmeninhaber durch die Inflation ihr ehedem beträchtliches Privatvermögen fast ganz verloren hatten.

Solange noch ein gewisser Umsatz in der Kulturgärtnerei und den Baumschulen erzielt wurde, konnten die Zinsen für diese Hypotheken aufgebracht werden. Dann aber ging der Umsatz immer mehr zurück und die Firma musste dazu übergehen, Teile ihres beträchtlichen Grundbesitzes zu verkaufen. Zunächst gab sie eine größere Fläche in Eschersheim und weiter einen verhältnismäßig kleinen Teil ihres Baumschulengeländes in Vilbel ab.

Der Verkauf von Gelände zu annehmbaren Preisen und in dem Ausmaße, dass der Firma dadurch die zur Behebung ihrer Finanznot erforderlichen Mittel zugeführt wurden, war jedoch nicht möglich bzw. wurde, wie in folgendem ausgeführt wird, von den Stadtgemeinden Frankfurt am Main und Vilbel unterbunden.

In Vilbel erschien wichtig, dass sie Aussichten für die Gründung eines Thermalbades und die Erschließung der in den 1780er Jahren versiegten, auf dem Baumschulgelände der Firma Gebrüder Siesmayer gelegenen Römerquelle erörtert wurde. Der Bürgermeister von Vilbel [Kurt Moosdorf, SPD 1928-33 u. 1946-55] war daher an die Herren Siesmayer mit der Mitteilung herangetreten, dass ein groß aufzuziehendes Bad in Vilbel errichtet und zu diesem Zwecke der gesamte Siesmayer‘sche Grundbesitz in Vilbel Verwendung finden sollte. In Frankfurt am Main und Vilbel fanden deshalb Verhandlungen mit dem Bürgermeister statt und es waren auch wiederholt Rutengänger daran, die Quelle teils mit dem Bürgermeister und anderen städtischen Vertretern und teils ohne sie festzustellen.

Auch dem Projekt einer großen Siedlung auf dem Siesmayer‘schen Gelände stand der Bürgermeister von Vilbel anfangs sympathisch gegenüber. Nach längerem Verhandlungen ergab sich dann aber, dass die Stadt Vilbel eine ihr bekannt gewordene finanzielle Verlegenheit der Firma Gebrüder Siesmayer benutzen wollte, um den gesamten Siesmayer’schen Grundbesitz für ein Butterbrot an sich zu bringen. Die Gemeinde Vilbel war in Kenntnis diese Siesmayer’schen Schwierigkeit nun nicht mehr geneigt, einen nur einigermaßen angemessenen Preis für die Ländereien zu zahlen und auf der anderen Seite aber auch nicht zuzugeben, dass dieser wertvolle Grundbesitz in andere Hände überging. Bemerkt muss hierbei werden, dass nahezu das gesamte Siesmayer‘sche Vilbeler Gelände in der Ebene und ganz hervorragend günstiger Stelle liegt.

Seinerzeit wurde auch versucht, Finanzleute für das „Thermalbad Vilbel“ zu interessieren. Der Bürgermeister Moosdorf brachte gleichzeitig einen großen Siedlungsbau innerhalb der Siesmayer‘schen Baumschulen zur Diskussion. Dabei war die Rede davon, etwa die Hälfte des Siesmayer‘schen Baumschulengeländes zu bebauen. Monatelange Verhandlungen mit verschiedenen Baulustigen begannen. Der Hauptinteressent war die HEGEMAG, hessische gemeinnützige Aktiengesellschaft für kleine Wohnungen in Darmstadt, die zuerst 2 bis 3 Straßenzüge mit Seitenstraßen übernehmen wollte und 6 Monate später schließlich auch das Gelände erwarb, auf dem ihr jetziges Siedlungshaus steht. Sie zahlt für das von ihr erworbene, 2400 Quadrat große Gelände RM 4 pro Quadratmeter. Einige weitere kleine Bauplätze wurden an Private verkauft.

Bei diesen Geländeverkäufen war den Herren Siesmayer vom Erlös nicht viel übriggeblieben, da die Hypothekengläubiger nach langen Verhandlungen nur gegen beträchtliche Rückzahlung von Hypothekenkapital die Entlassung des verkauften Geländes aus der Mithaft bewilligten.

Nachfrage von privater Seite und von Baugesellschaften nach weiterem Siesmayer‘schen Gelände in Vilbel war reichlich vorhanden und zwar auch zu durchaus günstigen Preisen, denn es wurden ca. RM 4 bis 4,5 pro Bruttoquadratmeter geboten. Weitere Verkäufe wurden jedoch durch die von den Stadtverwaltungen gemachten Schwierigkeiten unmöglich gemacht.

Zu den Interessenten zählte unter anderem auch eine Vilbeler Baugenossenschaft, die dann gezwungen war, auf dem Berg zu ungünstigeren Bedingungen zu bauen und dadurch starke Verluste erlitt.

Eine Großsiedlung in Vilbel war insbesondere durch die Frankfurter Stadtverwaltung vereitelt worden. Die Frankfurter Stadtverwaltung hatte gegen ein großes Bauprojekt innerhalb der Siesmayer‘schen Baumschulen, über dass sie offenbar durch den zu den Frankfurter Baubehörden Beziehungen unterhaltenden Vilbeler Stadtbaumeister unterrichtet worden war, bei den Hessischen Verwaltungsstellen durch die Frankfurter Regionalplanungsstelle Bedenken erhoben. Die Regionalplanungsstelle holte ein schon im Jahre 1912 nach längeren Verhandlungen ad acta gelegtes altes Gürtelbahnprojekt um Frankfurt herum wieder hervor und wollte hierzu fast das gesamte Siesmayer‘sche Baumschulengelände für Gleisdreieck, Bahnhof und Tunneleinfahrt reserviert haben, ohne die Grundstückseigentümer für ein damit verbundenes dauerndes Bauverbot entschädigen zu wollen.

Planung Schöllbergtunnel von Frankfurt aus gesehen

Es begann ein erbitterter Kampf um die Zukunft des Siesmayer‘schen Geländes in Vilbel, bei dem alle Beteiligten Verwaltungsbehörden Hessens bis hinauf zum Ministerium und die Frankfurter und Vilbeler Stadtverwaltungen mitwirkten. Die Stadtgemeinde Frankfurt am Main schickte s. Zt. den Leiter der Regionalplanung, einen ganz landfremden Jungen Baubeamten aus dem Osten, vor. Gerade dieser landfremde Baubeamte aus dem Osten als Leiter der Regionalplanung war eine vollkommen bodenreformerisch und sozialisierend eingestellte Persönlichkeit. Er setzte den Siesmayer‘schen Interessen den größten Widerstand entgegen. Die seinerzeit mit ihm geführten Verhandlungen waren außerdem durchweg unangenehm und langwierig. Ebenso langwierig und unangenehm waren die weiteren mit den gleich eingestellten Stadträten Ernst May und Dr. Müller bzw. Böhm notwendig gewordenen Verhandlungen. Mit einem Male setzte in den Vilbeler Linkskreisen eine eifrige Propaganda für die Gürtelbahn ein. Der Verkehrsverein von Vilbel gab 1929 sogar ein neues Werbeheft mit einem neuen Stadtplan heraus, indem die Gürtelbahn mit Tunnel so eingezeichnet war, als ob sie schon in Betrieb wäre.

Obwohl die Reichsbahn ein über das andere Mal ihr absolutes Desinteressement an der Bahnlinie erklärte, ließ die Frankfurter Stadtverwaltung nicht locker und schickte immer neue Interessentengruppen zu Gunsten des Bahnprojektes Vilbel – Ostbahnhof vor. Zuletzt versuchte sie es mit dem Bezirksverein Ostend, der sich in vollkommener Verkennung seiner Bezirksinteressen leider zu einem solchen Manöver auch missbrauchen liess.

Die höheren Instanzen der hessischen Verwaltungsbehörden erkannten nach schriftlichen und mündlichen Informationen, dass diese Gürtelbahn ein Frankfurter Danaergeschenk war. Ab 1. Mai 1931 ist das Gürtel Bahnprojekt endgültig abgetan worden, obwohl auch dann noch die Regionalplanung danach trachtete, ihm eine Wiederauferstehung zu bereiten.

Trotzdem erweiterte die Gemeinde Vilbel den Ortsbebauungsplan hinsichtlich des Siesmayer’schen Geländes nicht. Das Gelände wurde vielmehr schlecht gemacht, um Käufer fernzuhalten und das Gelände bei passender Gelegenheit selbst billig zu schlucken und zur Verwirklichung des alten Gedankens der Errichtung eines Thermalbades Vilbel mit entsprechendem Kurpark zu verwenden. Nun war an einen Geländeverkauf an Private oder Siedlungsgesellschaften nicht mehr zu denken und die Firma Gebrüder Siesmayer wurde rettungslos das Opfer der marxistisch eingestellten Behörden.

Hinsichtlich des Siesmayer‘schen Geländes in Eschersheim wurde nach langwierigen Verhandlungen die Stadtverwaltung dazu bewogen, einen freiwilligen Umlegungsvertrag abzuschließen. Es wurde jedoch auch hier Februar 1930, bis der Vertrag rechtskräftig war. Im Hochsommer 1930 war dann eine namhafte Siedlungsgesellschaft daran, den größten Teil dieses Eschersheimer Geländes anzukaufen, als im gleichen Zeitpunkt die Reichsregierung die Baugelder aus der Hauszinssteuer abschnürte. Dadurch kam auch hier ein Verkauf nicht mehr zustande.

Obwohl die Herren Siesmayer aufgrund eines früheren Alignements das spätere Gärtnereigelände gekauft und bei der Erbauung ihrer Gewächshäuser alles zur Abtretung vorgesehene Gelände der Stadt überlassen hatten, kam die „Aera May“ mit einem neuen Alignement heraus. Für dieses Herausbringen des neuen Alignements brauchte der Baurat Böhm drei lange Jahre d.h. im vorliegenden Falle gerade so lange, bis die verschlechterten Zeitverhältnisse einen einigermaßen angemessenen Verkauf des Geländes nicht mehr zuließen und die Herren Siesmayer dank dieser Saumseligkeit der s.Zt. offenbar zu zahlreichen Bauräte in der städtischen, sozialisierend eingestellten Verwaltung das Nachsehen hatten.

Im Frühjahr 1931 hatten sich die Verhältnisse der Firma Gebrüder Siesmayer derart zugespitzt, dass sie sich wegen eines außergerichtlichen Arrangements an ihre Gläubiger wandte in der Hoffnung, bei Zuwarten der Gläubiger den vorhandenen Grundbesitz zu einigermaßen annehmbaren Preisen verkaufen zu können. Der Erlös sollte selbstverständlich lediglich nur zur Abdeckung der bestehenden Verbindlichkeiten verwendet werden. Die Aussichten hierzu waren nicht schlecht, weil die gesamte Gläubigerschaft einem vorgeschlagenen längeren Moratorium sofort zustimmte. An die Hypothekengläubiger, die am Verfahren selbst nicht beteiligt waren, mussten die fälligen Hypothekenzinsen bezahlt werden. Anfangs war dies auch möglich, wenn auch mit Rücksicht auf die schwierigen Zeitverhältnisse nur in Teilbeträgen. Dann aber machten sich die Auswirkung des FAVAG-Zusammenbruchs weiter spürbar und die Bankkrisen gaben der Firma einen weiteren empfindlichen Stoß, den sie in der Folge nicht mehr überwinden konnte. Der Umsatz sank auf ein Minimum herab, dass eine Verdienstmöglichkeit nahezu ausschaltete und auch die Erfüllung der Verpflichtungen aus den Hypotheken – wenigstens vorübergehend – unmöglich machte. Infolgedessen mussten die in Frankfurt am Main Eschersheim und Vilbel noch vorhandenen Arbeitskräfte bis auf einige wenige entlassen und die Kulturen, Gewächshäuser und Baumschulen ihrem Schicksal überlassen werden.

Den Hypothekenbanken wurde der genaue Sachverhalt in einer Reihe von Verhandlungen klar gelegt, um sie dazu zu bewegen, auch ihrerseits den Verhältnissen etwas Verständnis entgegenzubringen und die Firma dadurch vor ihrem Untergang zu bewahren. Leider waren alle diese Bemühungen ohne jeden Erfolg.

Insbesondere die Nassauische Landesbank – ehemals die Bank des gewerblichen Mittelstandes – hatte der Firma Gebrüder Siesmayer den Rest versetzt. Obwohl ihr aus den Verhandlungen genau bekannt sein musste, dass die hypothekarische Belastung des Siesmayer‘schen Grundbesitzes in gar keinem Verhältnis zu seinem Wert stand und dass bei einigem Zuwarten und Entgegenkommen ihrerseits der Firma zu helfen gewesen wäre, setzte sie ohne jede Rücksichtnahme die Zwangsversteigerung der Siesmayer‘schen Ländereien durch und ersteigerte dieselben zu den aufhaftenden ersten Hypotheken. Die diesen Zeitraum berührenden Notverordnungen traten, weil verspätet, in diesem Falle nicht mehr in Wirkung bzw konnten durch die Einheitsbewertung des Siesmayer‘schen Grundbesitzes als rein „landwirtschaftliches“ statt „baureifes“ Gelände nicht in Anwendung kommen. Hätte aber die Nassauische Landesbank als Mittelstandsbank mit ihrem Direktor Ulbricht bzw. Generaldirektor Lammers den allgemeinen schweren wirtschaftlichen Verhältnissen nur etwas Verständnis entgegengebracht und vor allem Rechnung getragen, dann wäre z.B. durch Zuwarten und die Kapitalisierung und hypothekarische Sicherstellung der Zinsrückstände unbedingt zu helfen gewesen, ohne dass das Risiko für die Nassauische Landesbank ein größeres geworden wäre. Das aber wäre bei geringer Besserung der allgemeinen Wirtschaftslage gleichbedeutend damit gewesen, dass bei einem dann möglichen Verkauf des Siesmayer’schen Grundbesitzes zu einigermaßen angemessenen Preisen nicht nur die Hypothekenbanken und mit ihnen die Nassauische Landesbank voll befriedigt wurden, sondern dass auch die sonstigen Gläubiger nahezu restlos zu Ihrem Gelde kamen und dass ferner der Firma Gebrüder Siesmayer bzw. ihren jetzt betagten Inhabern ein Weiterarbeiten möglich gemacht wurde. Das durchaus unverständliche Vorgehen der Nassauischen Landesbank aber hatte zur Folge, dass den Herren Siesmayer ihr ehedem sehr wertvoller und beträchtliche Grundbesitz, der Ihnen als letztes Vermögensobjekt und als ihre letzte Hoffnung verblieben war, nach dem vielen Kämpfen doch noch für ein Butterbrot weggenommen wurde. Als weitere Folge ergab sich für die Herren Siesmayer infolge des Vorgehens der Nassauischen Landesbank die Notwendigkeit, den Offenbarungseid zu leisten und Antrag auf Konkurseröffnung zu stellen. Letzterer wurde, da eine die Kosten des Verfahrens deckende Masse infolge des Ausscheidens der Ländereien nicht mehr vorhanden war, abgelehnt.

Das Vorgehen der früheren verantwortlichen Leiter der Nassauischen Landesbank aber hat derselben bis heute keinen Gewinn verschafft. Die Ländereien Gewächshäuser und Kultureinrichtungen in Frankfurt am Main Eschersheim und Vilbel sind schon nach kurzer Zeit derart verwahrlost, das ist ein Jammer ist, sie anzuschauen. Unsachgemäßes Vorgehen und Behandeln hat sie des letzten Restes ihres inneren Wertes beraubt.

So ist die einst bedeutende, im In- und Ausland hochgeschätzte Firma durch die Einstellung der Behörden und den vergangenen 14 Jahren, durch Banken- und Finanzkrisen und nicht zuletzt durch den Mangel in verständnisvollem Entgegenkommen der Nassauischen Landesbank ruiniert und ihre betagten, durch und durch rechtschaffenden und ehrlichen Inhaber, die sich allgemein bester Wertschätzung erfreuen, sind an den Bettelstab gebracht worden.

Die Nassauische Landesbank hat aber nicht nur den wertvollen Siesmayer’schen Grundbesitz durch Ersteigerung zu den relativ niedrigen ersten Hypotheken an sich gebracht, sondern sie hat außerdem der Firma Gebrüder Siesmayer jede Möglichkeit abgeschnitten, ihre Pflanzen- und sonstigen Bestände zu verwerten. Sie erwirkte nämlich durch Einklagung eines geringen Teilbetrages ihrer Forderung Urteil, aus dem sie die gesamten Pflanzenbestände sowie alles das, was bei den Grundstücksersteigerungen noch nicht in ihren Besitz übergegangen war, pfändete und steigerte.

Die Verwertung dieser Pfandobjekte erfolgte selbstverständlich denkbar unsachgemäß und konnte der Nassauischen Landesbank niemals auch nur annähernd Befriedigung für ihre Forderung bringen. Letzteres war ihr aus den Zeitverhältnissen und den besonderen Umständen im Gartenbau bestens bekannt. Trotzdem hat sie als sogenannte Mittelstandsbank alles getan, um die in Ehren grau geworden Herren Siesmayer an den Bettelstab zu bringen. Praktisch gesehen bedeutet ihr Vorgehen wieder nur die Vernichtung weiterer Existenzen.

Herr Ferdinand Siesmayer insbesondere, der seit Jahren zuckerkrank ist, nagt seitdem mit seiner vierköpfigen Familie am Hungertuch und ist vollständig auf die Fürsorge der öffentlichen Wohlfahrt angewiesen. Im Gegensatz zu der Haltung der damaligen Leiter der Nassauischen Landesbank, des Generaldirektors Lammers und des Direktors Ulbricht, schreibt „ Der Deutsche Gartenarchitekt“ Zeitschrift des Bundes Deutscher Gartenarchitekten in Hamburg 1, Rosenstraße 11, in seinem Heft N° 9/10 bereits im September / Oktober 1932 zum 70. Geburtstag des Herrn Philipp Siesmayer wörtlich wie folgt:

Es gehört zu den Tragödien unserer Zeit, dass dieser, um den Beruf so verdiente, in seiner Lebensführung so bescheidene Fachgenosse, den Konkurs seiner alten angesehenen Firma, die er selbst zu höchstem Ruhm emporgeführt hatte, erleben musste. Der Zusammenbruch der Firma Gebrüder Siesmayer war zum größten Teil ein Ergebnis des in Frankfurt am Main jahrelang herrschenden marxistischen Systems, welches in der Ära May und seiner Mitläufer ihren Ausdruck fand. Der Stadtbaurat May hat ja inzwischen nach Russland „heimgefunden“ und auch die vielen Frankfurter maßgebenden Persönlichkeiten, die seinerzeit unverständlicherweise seinem Einfluss unterlagen und heute trauernd vor seinem Nachlass stehen, werden ihn nicht mehr zurückwünschen. In Zeiten, in denen sich die ganze Regierungskunst darin erschöpfte, durch die sogenannte kalte Sozialisierung Gewerbetreibenden die Aufgaben abzujagen, um sie dann mit doppeltem und dreifachem Kostenaufwand mit Hilfe der dem Bürger herausgepressten Steuergroschen auszuführen, oder wenn diese nicht mehr ausreichten, mit oft unglaublich leichtsinnig aufgenommenen Anleihen zu finanzieren, haben Konkurs und Offenbarungseid für den Bürger ihre Schrecken verloren.

Wenn die alte ehrenwerte Firma Gebrüder Siesmayer ein jüdisches Bankunternehmen, ein Warenhaus oder eine Schifffahrtsgesellschaft gewesen wäre, dann hätte sich sicher eine Regierungsstelle gefunden, die die Mittel freigemacht hätte, um diese Firma, die ihre hundert Morgen großen Ländereien infolge behördlicher Schwierigkeiten nicht verkaufen konnte, vor dem Zusammenbruch zu retten.

Aber so handelt es sich ja hier nur um eine, in emsinger Arbeit durch deutschen Fleiß und deutsche Tüchtigkeit geschaffene Unternehmung, um deren Zusammenbruch in unserem ehrenwerten Vaterland kein Hahn kräht.

Zum Schluss soll nicht unerwähnt bleiben, dass neuerdings ein neues Alignement bezüglich des Siesmayer’schen Geländes in Frankfurt am Main – Eschersheim ausgearbeitet worden ist, welches eine Verbesserung des verwertbaren Geländes und wenigstens 1000 qm vorsieht.

Frankfurt am Main, den 1. Juni 1933.

Gebrüder Siesmayer.“

Quellen und weiterführende Angaben:

    • Hannes Mathias, Hoffnung und bitteres Ende der Baumschule Siesmayer in Vilbel.
      In: „Bad Vilbeler Heimatblätter“ 1982, Heft 25
  • 28.7.1932 Frankfurter Nachrichten: „Aus dem Sündenregister May’s“
    „… „Zur Hebung des Osthafengeländes träumte May von einer Umgehungsbahn mit Tunnelanlage im hessischen Gebiet der Gemeinde Vilbel, für die er seine Parteifreunde in der Darmstädter Regierung derart einzunehmen verstand, dass die Regional-Planungsstelle in die Entschließungen der Gemeinde Vilbel Eingriff und „für alle Fälle“ den Grundeigentümern die Verfügung über ihren Besitz entzog. … Einsprüche der Gemeinde und der ebenfalls schwer bedrohten Stadt Hanau fanden weder in Frankfurt noch in Darmstadt Verständnis.“
  • Chronik Gebr. Siesmayer: Stadtarchiv Bad Vilbel A2/33
  • Institut für Stadtgeschichte Frankfurt / M.